Erfahrungsbericht Radfahren mit Stützrädern
Mein Vater fuhr leidenschaftlich gern Fahrrad. Mit meiner Mutter und Freunden verbrachten sie seit 20 Jahren ihre Urlaube damit, von einer Unterkunft zur nächsten zu radeln. Bis vor einem Jahr, als ein Herpesvirus das Gehirn meines Vaters befiel und er nach vielen Wochen Krankenhaus in vielen Wochen Reha das Laufen am Rollator erst wieder neu lernen musste. Nach mehreren Monaten konnte er vom Rollator zu Wanderstöcken als Unterstützung beim Gehen wechseln. Viele viele Therapiestunden zeigten Erfolge, wenn auch deutliche Defizite geblieben sind, und anscheinend auch bleiben werden. Sein Gleichgewicht ist so beeinträchtigt, dass er zum Beispiel nicht laufen kann, wenn er einen Fuß direkt vor den anderen setzt. Sein Wunsch, wieder Rad zu fahren ist riesig und so schauten wir uns nach einem Dreirad um. Er hatte keine große Mühe damit zu fahren, jedoch große Freude. Die Bedenken, die uns von einem Kauf abhielten waren in erster Linie, dass der Transport mit Auto oder Bahn quasi unmöglich ist. So gerne würden meine Eltern wieder Touren unternehmen, die nicht alle vor der Haustür beginnen. „Ich möchte wieder mit meinem Zweirad fahren“, wünschte sich mein Vater. Im Internet wurde ich auf Swinging Wheels aufmerksam. Ein Händler in der Nähe bietet Räder mit den Swinging Wheels an. Wir fuhren hin und probierten ein Rad im Innenhof. Erstaunlich fiel es meinem Vater mit diesem vormontierten Fahrrad Achten zu fahren. Das machte mir Hoffnung. Leider war der Radhändler nicht bereit, auf das alte E-Bike meines Vaters die Double Twelve zu montieren, weil die Rahmenform Bastelei nötig mache. So bestellten wir die Stützräder und mein Mann und Schwiegervater tüftelten an der Montage und brachten es zustande. Jedoch kamen uns große Zweifel, als bei der Probefahrt weder der eine noch der andere (beides leidenschaftliche Radfahrer) auf dem Rad fahren konnten. (Man muss dazu sagen, dass sie die Probefahrt auf geneigtem Gelände versuchten. Fazit: das kann nicht funktionieren. Man muss auf ebenem Gelände starten.) Folglich mischten sich Zweifel in meine anfängliche Euphorie: Ob es eine leichtsinnige Idee ist, einen Achzigjährigen mit wackeligen Beinen und krankheitsbedingt beeinträchtigtem Gleichgewichtssinn auf ein Fahrrad zu setzen?
Tag 1 (circa 1 Stunde):
Wir starteten sonntags auf einem völlig ebenen Parkplatz. Meine Kinder stellten Hütchen auf, um die Opa Slalom fahren sollte. „Mal sehen“ dachte ich und versuchte mich erst einmal selber und durfte feststellen, dass es absolut machbar ist zu fahren, wenn der Untergrund eben ist. Da mir das motorische Lernen nicht nur eine Herzensangelegenheit ist, sondern auch mein Beruf (Sportlehrerin), möchte ich Ihnen folgende Schritte vorschlagen, um sich an das Fahren heranzutasten. So haben wir es umgesetzt, mit dem Erfolg, dass mein Vater nach etwas Üben, direkt am ersten Tag den Slalomparkour meiner Kinder fuhr und große Freude dabei hatte; und wir auch!
- Beim E-Bike ist der Motor ausgeschaltet. Ein kleiner Gang ist zu wählen.
- Mit festgehaltener Handbremse auf dem Sattel sitzen, Füße auf den Pedalen: das Gewicht minimal von rechts nach links legen. So bekommt man Gefühl dafür, dass die Stützräder einen halten und man nicht Geschwindigkeit braucht, um stehen zu können, wie man es vom Fahrrad gewohnt ist.
! Das Gewicht liegt im Sattel und nicht auf den Händen auf dem Lenker!
- Die Füße bleiben auf den Pedalen. Eine zweite Person schiebt den Fahrer langsam an. Geradeaus Fahren und immer wieder bremsen. Losrollen, bremsen usw. (So kann sich der Fahrer besser auf das neue Gleichgewichtsgefühl einlassen und muss sich nicht noch mit dem Treten beschäftigen.)
! Immer wieder darauf hinweisen, dass das Gewicht auf dem Sattel liegt und der Lenker nur ganz locker gehalten wird!
- Große Kurven „fahren“: immer noch schiebt der Helfer den Fahrer an und die Füße stehen locker auf den Pedalen ohne zu treten.
- Klappen die großräumig gerollten Kurven und das Bremsen, kann der Fahrer langsam mit Treten beginnen. Zunächst nur geradeaus. Wenn das gut klappt, auch große Kurven.
- Slalomfahren um Hütchen herum.
- Mit Kreide eine Linie auf den Asphalt zeichnen, die leichte Schwünge und Bögen zeigt. Diese Linie entlang fahren. Aufgestellte Hütchen markieren Engstellen, die durchfahren werden sollen, ohne dass die Stützräder die Hütchen berühren.
Hiermit beließen wir es am ersten Tag.
Tag 2: Am Folgetag starteten wir wieder mit Gewichtverlagern im Stand und auf dem Sattel sitzend, langsames Rollen, Treten, große Kurven. Anfänglich fiel es meinem Vater schwer und er war frustriert. Nach wenigen Minuten hatte er wieder ein gutes Gefühl und machte beeindruckende Fortschritte:
- Fahren auf der Straße mit leichter Schräge. Hier zeigt sich meiner Meinung nach die besondere Schwierigkeit beim Fahren mit Stützrädern:
Die Herausforderung in meinen Augen ist es, zu fahren, wenn es eine leichte seitliche Neigung gibt, also wenn der Boden leicht geschrägt ist und man sozusagen quer zum Hang fahren möchte. (Ich verwende die Begriffe „Berg“ und „Tal“ obwohl hier nur von leichtem Höhengefälle die Rede. Die Begriffe sollen aber deutlich machen, in welche Richtung die Neigung geht.)
In dieser Situation zeigt sich folgende Schwierigkeit:
- Der Lenker „fällt“ in die nach unten gerichtete Seite („Talseite“). Man verliert die Kontrolle und fährt in eine nicht gewollte Richtung.
- Folgendes Vorgehen erwies sich mir als hilfreich:
- Das Körpergewicht in Richtung „Berg“ neigen.
- Den Lenker gefühlvoll in Richtung „Berg“ halten. Es handelt sich vielmehr um eine minimale Ausgleichsbewegung, als um ein „Drehen“. Es gilt zu verhindern, dass der Lenker talwärts dreht.
Erstaunlich schnell gelang es meinem Vater in leicht geneigtem Gelände Kurven zu fahren und sogar auch am zweiten Tag schon auf einer deutlich schrägen Straße Kurven zu fahren. Ich lief immer nebenher, um ihn daran zu erinnern, dass er die Hände stets an den Bremsen halten muss.
Neben dem Fahren auf Straße mit Gefälle übten wir am zweiten Tag das Fahren neben dem Bordstein: Abstand wahren, damit die Stützräder nicht den Bordstein berühren. Ich hatte Sorge, dass mein Vater möglicherweise stützen könnte, wenn er zu dicht führe und ein Stützrad seitlich auf den (abgesenkten) Bordstein rollt und damit das Rad Schieflage bekommt.
Hier kann ich beruhigen: Es kam tatsächlich zu dieser Situation, aber mein Vater konnte das Geholper souverän ausgleichen und fuhr unbehelligt weiter.
Wir übten auch das frontale Auffahren auf einen abgesenkten Bordstein, was auf Anhieb gut klappte.
Zusammenfassung Tag 2 (circa 20 Minuten):
- Aufwärmen, wieder reinkommen
- Fahren auf der zunächst leicht geneigten Straße, später auch steileren Straße:
- Geradeaus
- Große Kurven
- Kleinere Kurven
- Fahren neben dem Bordstein
- Auffahren im rechten Winkel auf den abgesenkten Bordstein
Kunde [20251044]